Web-Unternehmen und Mentalität
Das ist schon genial, erst sitze ich im Saal und höre mit die Keynotes an, u.a. von Tim O’Reilly (siehe obiges Foto). Direkt danach gehe ich raus und lese Minuten später einen beim Spiegel verlinkten Manager-Magazin-Artikel (Die Welt ist nicht genug) in dem auch ebendieser Tim vorkommt.
Allerdings muss ich sagen, dass der Autor so ganz den Durchblick auch nicht hat. Wahrscheinlich war er auch nicht hier im Konferenz-Zentrum Moscone West. Er malt einfach sehr schwarz. Für den Nutzer/Kunden ist die schöpferische Zerstörung in der Wirtschaft nämlich gut, weil es komplett neue Dinge gibt und alte billiger verfügbar werden. Zumindest hab ich sowas noch aus der VWL-Vorlesung in Erinnerung. Journalisten sehen nach meinem Gefühl die Dinge immer nur richtig, wenn sie selbst nicht mit in einem Thema drin hängen. Sobald ihre Branche oder gar ihr persönliches Auskommen betroffen sind, schreiben sie Sachen, die in der Gesamt-Betrachtung nicht stimmen. Besonders ist das in letzter Zeit natürlich bei der Berichterstattung über das Internet der Fall, weil dort viele Innovationen schnell potentiell den Papier-Journalisten auf die Pelle rücken können.
Ein ganz anderes Thema ist, dass Deutschland oder Europa bei der schöpferischen Zerstörung sich vor allem auf das zerstört Werden und weniger auf das Schöpfen beschränkt. Ich denke auch, dass es große deutsche oder europäische Internet-Firmen geben sollte. Nur das Problem fängt ja bei der Mentalität des Jammerns an. Der Vorteil davon: man spricht Probleme direkt an. Der Nachteil: man macht nichts dagegen, jammern reicht. Die USA sind da optimistischer, das ist allgemein bekannt. Das wiederum ist zwar gut für die Firmen-Gründungen, aber schlecht, um Probleme in Politik und System zu beheben. Es wiederspricht nämlich der Mentalität/Höflichkeit zu sagen, dass und was Mist ist. Anstatt zu sagen “das ist völliger Scheiß” sagt man (wie Tim heute morgen): “Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Richtung ist, in die wir gehen sollten.”.
Das mit der großen europäischen Internet-Firma ist schon länger in der Diskussion und es passiert rein gar nichts. Das ist genau das selbe wie mit der europäischen Rating-Agentur. Beides sinnvolle Ideen, die man besonders in Frankreich mag, wo ja der Staat viel mehr in die Wirtschaft eingreift als in Deutschland. Nur wo sind die beiden Organisationen denn jetzt, ich sehe nix davon.
Die oben beschriebene nicht-ansprechen-Mentalität wiederum verursacht vielleicht mit, dass in den USA kaum Einer Nachrichtenmagazine liest/kauft. Gestern musste ich in der Borders-Buchhandlung am Union Square feststellen, dass es zu praktisch allen Themen mehr Auswahl gibt, als zu Nachrichten: Waffen, Geländewagen, Musik, Frauen-Unterhaltung, Bodybuilding, und zig Bereichen mehr. Es ist schon klar, dass die Unterhaltung in dem Land völlig unschlagbar ist, aber ein Wenig Nachrichten können doch nicht schaden. Das Einzige der Titelseite nach wirklich ernsthafte Nachrichten-Magazin war “The Economist”. Und das Ding kommt eigentlich aus London. Auf dem Titel war die Akropolis mit darüber schwebenden Kampfhubschraubern zu sehen und eine Merkel, die in einen Kampfanzug retuschiert wurde. Time und Newsweek haben auf mich doch mehr den Eindruck der gehobenen Unterhaltung gemacht. Und fast schon in die Richtung der einfachen Unterhaltung geht mittlerweile auch CNN sehr erfolgreich, sonst würde es nicht so Seiten geben wir WTFCNN. Dort werden die CNN-Webseite und Nachrichtenseiten aus anderen Ländern nebeneinander gehalten. So kann man sehen, dass oft wenn es wirklich wichtige Welt-Nachrichten, bei CNN irgendwelche Unterhaltung mit Tiger Woods, Lady Gaga oder Lindsey Lohan oben steht.
Mittlerweile komme ich mir fast schon wie ein Web-2.0-Groupie vor. Denn heute morgen hat auch Stewart Butterfield auf der Bühne sein neues Online-Spiel vorgestellt. Mit ihm ist auf der Cebit dieses Jahr das witzige wie-asiatische-Mädels-Foto entstanden (Netzlog-Eintrag).
This entry was posted on Thursday, May 6th, 2010 at 9:29 pm and is filed under International . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

