Stadt Gießen 17.10.2002
„Tabuisierung ist keine Lösung“
Experten diskutierten über Einfluss von Computerspielen
GIESSEN (ok). Der Amokläufer
von Erfurt löste in den Medien eine Debatte um gewalttägige Computerspiele
aus. Während der Podiumsdiskussion „Game Over?“ versuchten
im Jokus fünf Gesprächsgäste, die Frage nach einem möglichen
„Einfluss von Computerspielen auf die Gewaltbereitschaft“ herauszuarbeiten.
Veranstalter waren der Stadtjugendring Gießen sowie die Jugendpflege und
das Jugendbildungswerk. Der Kinosaal des Jugendzentrums war nicht voll, aber
repräsentativ besetzt mit Eltern, Schülern und Pädagogen. An
den Mikrofonen saßen Dr. Klaus-Peter Gerstenberger (Unterhaltungssoftware
Selbstkontrolle Berlin), Wilfried Schneider (Bundesprüfstelle für
jugendgefährdende Schriften), Prof. Johannes Fromme (Medienpädagoge
an der Universität Magdeburg), Dietrich Niederlintner (Organisator von
LAN-Partys) und Roland Fries (Chaos Computer Club). Zwei Stunden später
hatten sich zwei Meinungen herauskristallisiert. Zum einen: Die so genannten
„Ego-Shooter“ spielen eine Rolle bei der Rollenfindung von Jungen
zwischen zwölf und 14 Jahren und sind der Phase „jugendlicher Exzesse“
(Fromme) zuzuordnen und sollten nur „irgendwann auch wieder aufhören“.
Zum anderen: Die Gewaltfrage ist weniger dramatisch zu beurteilen als der Zeitfaktor.
„Ist es krank, wenn Arme abfliegen und Köpfe platzen?“ Nicht
zuletzt wegen der Einbindung des Publikums durch den Moderator Georg Holzach
kam es von Beginn an zum Dialog, der sich lange Zeit um das Ego-Shooter-Spiel
„Counter-Strike“ drehte. In diesem Spiel treten zwei Mannschaften
gegeneinander an. Gut und Böse versuchen sich zu verdrängen wie im
Schach. Mit dem Unterschied, dass das Böse Terroristen sind und das Gute
eine Spezialeinheit. Das Team, das das andere ausschaltet, gewinnt. Wie eine
Art Räuber und Gendarme im dreidimensionalen Cyberspace. „Bei LAN-Partys
schalten auch viele die Effekte ab, um schneller und besser spielen zu können“,
sagte Dietrich Niederlintner, der zig solcher Veranstaltungen organisiert hat,
bei denen viele Spieler mit ihren vernetzten Rechnern mit- und gegeneinander
spielen. Plastisch wegfetzende Körperteile nehmen einfach zu viel grafischen
Speicher weg. „Als ich einmal auf den Monitor geschaut habe, war ich schon
schockiert“, berichtet eine Mutter. Aber auch Verbote halfen nichts. Ihr
13-jähriger Sohn Johannes würde auch dann weiterspielen, wie er gegenüber
dem Moderator offen zugab.
„Und wenn euch eure Eltern den Rechner wegnehmen, was macht ihr dann?“,
fragt Georg Holzach die Schüler in der Runde. „Dann spiele ich Playstation?“,
sagt einer. „Und wenn die weg ist?“ „Dann mache ich gar nichts.“
Gar nichts war es dann doch nicht, wie es zu schön in das Vorurteilsbild
gepasst hätte. Er spiele natürlich auch noch Basketball und Fußball.
Deutlich wurde jedoch, dass der Gruppendruck sehr stark ist, wie eine Mutter
erklärte: „Alle Jungs spielen Counter-Strike.“ Dies sei ein
wichtiges Element in der Alltagskultur von vorwiegend männlichen Jugendlichen
zwischen zwölf und 14 Jahren, die sich auf der Suche nach einem männlichen
Rollenbild befänden, berichtete der Medienpädagoge Johannes Fromme.
Gerade bei heranwachsenden jungen Männern fehle das Vorbild: „Der
Softie kam auf Dauer nicht an, weder bei den Frauen, noch bei den Männern.“
Da biete sich der heldenhafte Typ an.
Für den heutigen EDV-Berater Roland Fries war das Computerspielen eine
Möglichkeit, „um mal zu vergessen und sich abzureagieren“.
Zugleich sei es immer klar gewesen, dass es sich dabei um eine Illusion handelt.
Im Fernsehen fließe auch Blut, und jeder wisse, dass das Ketchup sei.
Eine Tabuisierung schafft nach Roland Fries’ Meinung keine Lösung.
„Die führt nur zu großer Faszination, und auch eine Indizierung
ist eher ein Qualitätsmerkmal für Jugendliche.“
Wenn der Medienpädagoge auf die Aggressionsfrage mit „Das ganze Leben
ist nicht gewaltfrei“ antwortet und darauf verweist, dass dies lediglich
eine weitere Form der Auseinandersetzung mit Gewalt sei,wie sie auch in Büchern,
Filmen und im Fernsehen stattfände, dann wird das von Sätzen aus dem
Publikum wie „Die Sterbeanimation bei dem ersten Teil von ,Doom‘
war ziemlich billig“ drastisch konterkariert. Wilfried Schneider formulierte
es aus pädagogischer Sicht: „Wir haben ein gewisses Aggressionspotenzial
in uns. Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um und wollen wir das im Kinderzimmer?“
Die aufschlussreichste Bemerkung
kam von Klaus-Peter Gerstenberger. Er habe nicht Angst davor, dass der Computer
den Krieg in die Realität bringe, sondern: „Ich habe ein sehr ungutes
Gefühl“, sagt er in Anspielung auf den zweiten Golfkrieg, „wenn
ich sehe, dass uns der wirkliche Krieg als Computerspiel vorgeführt wird.“
‹ Das Jugendbildungswerk veranstaltet am Samstag, dem 16. November, das
zweitägige Seminar „Computerspiele – Chance oder Bedrohung?“
für Eltern, Pädagogen, Mitarbeiter in der Jugendarbeit und interessierte
Jugendliche. Der Teilnahmebeitrag liegt bei 6,65 Euro. Anmeldungen sind beim
Jugendbildungswerk (Tel. 0641/3062497) möglich.